Eines Sommertages, als Glanz und Herrlichkeit der Burg Ardeck, die den Eingang des Aartales oberhalb der Stadt Diez schirmte, in den Schutt einer Ruine gesunken war, trieb zum verlassenen Burgberge ein junger Schäfer seine Herde, auf daß die Schafe am halbdürren Grase sich sättigten.
Weil es drückend heiß war, ging der Schaefer in den Schatten des Burginnern und streckte sich zwischen dem grauen Mauerwerk zum Ruhen hin. So mochte er eine gute Weile geschlummert haben, als er glaubte, von Stimmen geweckt worden zu sein.
Verwundert richtete er sich auf, um sogleich seine Knie wieder zu beugen; denn vor ihm stand, im Sonnenglanz, gekleidet mit grüner Seide, auf dem Haar einen zierlichen Goldreif, züchtig und adlig anzuschauen, eine Jungfrau. Der Schäfer zog grüßend seinen breitkrempigen Strohhut vom krausen Flachskopf und wollte forteilen, als die Jungfrau ihre zarten Haende ihm auf die Schulter legte.
"Bleib, holder Jüngling", bat sie. "Du bist mir gesandt, mein Erlöser zu werden."
Ihre Stimme klang zart, und doch fiel jedes ihrer Worte in des Schäfers Herz wie Glockenklang in der Christnacht.
"Ich kenne dich wohl, und oft sah ich dich die Herde hier weiden und mußte dich immer ziehen lassen. Aber heute ist meine Stunde der Erlösung gekommen. Alle hundert Jahre jährt sich der Tag, an dem der Kuss eines jungen Mannes mich den Menschen zurückgeben kann. In eine Schlange hat mich ein Fluch, im gerechten Zorn über die böse Tat eines meines Vorfahren ausgestoßen, verwandelt. So harre ich hier im tiefen Verließe der Burg eines reinen Menschen, der mich von der Sünde befreie. Du bist der erste, der sich mir an meinem Schicksalstage naht. Komm mit, ich will dir die Schätze zeigen, die dein sind, wenn du mich aus dem Banne befreist."
Zögernd, wie im Traum, folgte der Schäfer. Wie von Wolken getragen, schwebte die Jungfrau dahin. Von ihrem Gürtel nahm sie ein goldenes Schlüsselchen, rührte damit an den Boden, der sich auftat und eine breite Marmortreppe sehen ließ. Sie schritten hinunter.
In Kammern mit glitzernden Waenden standen aufgetan silberne Truhen, daraus funkelten Gold und Edelsteine. Zuallererst lag in einer Truhe aus Kristall auf einem rotsamtenen Kissen ein Ring, dessen Gold rot leuchtete wie die dämmernde Abendsonne und dessen Edelstein das Licht brach wie die Wellen der plätschernden Aar.
"Das ist der Ring, der sich mit mir verbindet und Segen über das Land strömen laeßt, daß es Früchte trägt hundertfältig."
Der Schäfer sah das alles, und sein Herz glühte vor Freude.
"Ja, ich will dich erlösen!" rief er.
"Halt", entgegnete ernst die Jungfrau, "eine schwere Bedingung mußt du zuvor erfüllen. Heute nacht, wenn der Mond seine Silberbahn zieht, komme wieder. Mit dem Glockenschlag zwölf werde ich wieder zur Schlange. Dann greife die Schlange und küsse sie auf den Kopf, der Zauber ist geschwunden, du besitzest mich und die Reichtümer. Nun laß mich wieder allein."
"Das will ich tun", gelobte der Schäfer und ging zu seiner Herde.
Als der Mond hinter den Taunusbergen heraufstieg und sein bleiches Licht die ährenschweren Felder und dunklen Dächer streichelte, eilte flinken Schrittes der Schäfer zur Ardeck. Er fand die Jungfrau auf einem samtenen Sessel sitzend, in den Händen hielt sie eine Perlenkette, die im Mondlicht wie eine Schnur gehefteter Tränen leuchtete.
Die Jungfrau gebot dem Schäfer durch Wink, auf einem niedrigen Schemel Platz zu nehmen. So saßen sie eine stumme Weile nebeneinander. Da zitterten weit her vom Diezer Schloßturm die Schläge der Uhr: die zehnte Stunde.
"Noch zwei Stunden"', sagte leise die Jungfrau, und ihre Lippen zitterten.
"Dann werde ich dich erlösen", beteuerte der Schäfer.
Als es elf Uhr in der Ferne schlug, wurden die Perlen zu Rubinen und leuchteten wie Blutstropfen.
"Noch eine Stunde", seufzte die Jungfrau.
"Dann werde ich dich erlösen", gelobte erneut der Schäfer und wollte die Schwurfinger heben, doch die Jungfrau beugte sie nieder, er solle sich nicht verschwören. Und es nahte die zwölfte Stunde.
Die Wälder atmeten schwer, der Nachtwind hielt inne im Säuseln, und die Aar hemmte ihrer Wellen Flut. Lang hergezogen tönten die Glockenschläge vom Diezer Uhrturme.
Beim ersten Uhrenschlag entfuhr es der Jungfrau wie ein unterdrückter Schrei.
Beim zweiten lag sie wie tot.
Beim dritten schwand ihre Schönheit.
Beim vierten wurde es finster.
Ehe sich's der Schäfer versehen, ringelte sich vor ihm nach dem fünften und sechsten Glockenschlage eine abscheuliche Schlange mit nässendem Leibe, nur am Kopf glaubte er, die Augen der Jungfrau zu erkennen.
Da erklangen der siebte und nach kurzer Weile der achte Uhrenschlag.
Noch vor dem neunten neigte sich der Schaefer, die Schlange zu küssen. Seine Hand faßte den kalten Schlangenleib, da schlug es zum zehnten Male. Er hob den Kopf der Schlange zu seinem Munde, es schlug elf, ein Ekel würgte ihm im Halse. Der Schäfer wollte den Widerwillen niederkämpfen und stand einen Augenblick unschlüssig - da schlug es zwölf.
Verschwunden war die Schlange.
"Wehe!", schrie es aus der Tiefe, dreimal "Wehe!"
Die Rubinkette lag noch da, die griff der Schäfer und jagte von dannen, lief weit in ein fremdes Land und baute sich aus dem Erlös der Kette ein Haus und lebte glücklich als einfacher Landmann.
Tief im Burgberg der Ardeck aber ruht noch immer die Schlange und wartet ihres Erlösers.
Den goldenen Schlüssel, der alle Schätze erschließt, trägt sie im Maule.
Wer ihn ihr entreißt, dem gehören die Kostbarkeiten, und die Jungfrau ist dann für ewig verdammt.
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